Böhmischer Staudenknöterich, Bastard-Staudenknöterich

(Fallopia x bohemica)

Blühender Böhmischer Staudenknöterich am Waldrand
Blühender Böhmischer Staudenknöterich am Waldrand© A. Krapf

Familie und Herkunft

Knöterichgewächse (Polygonaceae). Seine Herkunft ist ungewiss, der Hybrid stammt nicht aus Ostasien wie seine Eltern.

Einfuhr- und Einschleppungswege

Der Böhmische Staudenknöterich wurde 1982 in Tschechien entdeckt und wissenschaftlich beschrieben. 

Ausbreitungswege

Handel, Garten- und Landschaftsbau, Landwirtschaft, Imkerei, Jagd (Wildfutter), Kraftfahrzeuge, Materialtransporte sowie (Boden)aushub, Geräte, Wasser, Tiere (Fernausbreitung), unsachgemäße Entsorgung.

Erkennungsmerkmale

Die Art ist ein Hybrid zwischen dem Japanischen und dem Sachalin-Staudenknöterich. Die Pflanze weist Merkmale beider Eltern auf, so auch die Zweihäusigkeit. Sie kann eine Höhe bis zu 4 m erreichen. Die Stängel sind wie bei den Eltern kräftig, knotig gegliedert und hohl, können jedoch rot gesprenkelt sein oder einheitlich grün. Die an der Unterseite mit kurzen Haaren versehenen, harten,  nicht lederartigen Blätter sind breit bis schmal eiförmig, kurz gespitzt bis spitz zulaufend. Der Blattgrund ist gestutzt bis mehr oder weniger herzförmig. Die Blütenstände, die von Ende Juli bis Ende September zarte, weiße Blüten zeigen, sind rispenartig verzweigt. Es werden kleine geflügelte Nüsschen ausgebildet, die Samen enthalten.

Blätter mit Merkmalen beider ElternEinzelblütenRötlich gefleckter Stängelausschnitt

Status in Österreich

Es ist anzunehmen, dass der Böhmische Staudenknöterich in allen Bundesländern etabliert ist. Oftmals wurde er früher fälschlicherweise als Japanischer oder Sachalin-Staudenknöterich identifiziert.

Verbreitung in Europa

Über diese Art findet man erst im letzten Jahrzehnt des 20. Jhdts. Berichte in der Fachliteratur, sodass es große Lücken bezüglich seiner Verbreitung gibt. Lange Zeit wurde der Böhmische Staudenknöterich einem der beiden Elternteile zugeordnet.

Auswirkungen des Klimawandels

Die Sippe besitzt einen deutlich thermophilen Charakter, eine Förderung durch den Klimawandel ist daher anzunehmen.

Biologie und Ökologie

Die Verbreitung erfolgt hauptsächlich über unterirdische Ausläufer (Rhizome). Kleinste Teile davon (Fragmente mit 1 - 1,5 cm) können bereits wieder zu einem neuen Bestand führen. Die oberirdischen Teile der Staude sterben im Herbst nach den ersten Frösten ab, das unterirdische Rhizom überdauert den Winter als Speicherorgan bis zu 2,5 Meter tief im Boden. Im April beginnt das Wachstum der oberirdischen Teile, die von Mai bis Juni in ihrer Hauptwachstumsphase bis zu 15 (30!) cm pro Tag wachsen können. Die zahlreichen Knospen der unterirdischen Rhizome können jederzeit neue Pflanzen ausbilden, sodass sich in kürzester Zeit ein Dominanzbestand entwickeln kann. Die Verbreitung durch Samen ist zu vernachlässigen.

Der Verbreitungsschwerpunkt liegt wie bei seinen Eltern an Fließgewässern, jedoch werden auch zahlreiche andere Lebensräume wie z.B. Wald- und Wegränder, Bodenaufschüttungen sowie auch trockene Ruderalstandorte besiedelt. Der Böhmische Staudenknöterich benötigt gute Nährstoff­bedingungen, zu große Trockenheit und zu viel Nässe wirken sich negativ auf seine Vitalität aus. Er verträgt schattige Standorte besser als seine Eltern, wächst dann aber nicht so massiv.Darüber hinaus ist das Potential der vegetativen Regeneration höher als bei seinen Eltern.

Austrieb Anfang MaiBestand im Juni bereits übermannshoch

Negative ökologische Auswirkungen

Die Bildung dichter und dominanter Bestände verhindern durch die Wurzelkonkurrenz und Schattenbildung der Blätter jegliches Wachstum angestammter Arten.
Der Böhmische Staudenknöterich stellt für pflanzenfressende Insekten keinen Nahrungslebensraum dar, da er für sie unattraktiv ist.

Negative ökonomische Auswirkungen

Dominanzbestand am Rande des Dammes eines Rückhalteckens
Dominanzbestand am Rande des Dammes eines Rückhalteckens© A. Krapf

Die dicken Rhizome können Schäden an Infrastruktureinrichtungen verursachen indem sie z.B. Gleisanlagen, Uferbefestigungen oder Dämme destabilisieren und zerstören. Kleinste Ritzen, und sogar Asphalt können durchwachsen und durch das Dickenwachstum der Wurzelausläufer gesprengt werden. Für den Bahn-, Straßen- und Gewässererhaltungsdienst verursachen großflächige Bestände einen erhöhten Pflegeaufwand und damit auch höhere finanzielle und personelle Ressourcen.
Die Kosten für Managementmaßnahmen werden bei allen Staudenknöterich-Arten hoch eingestuft.

Positive ökonomische Auswirkungen

Die Pflanze wird zur Honigproduktion herangezogen.

Negative gesundheitliche Auswirkungen

Es sind keine bekannt.

Managementmaßnahmen

Ziele der Maßnahmen:
Die Entstehung neuer Bestände verhindern und bestehende in ihrer Ausbreitung hemmen. Die vollständige Beseitigung der weit verbreiteten Art ist in Österreich nicht möglich.

  • Öffentlichkeitsarbeit.
  • Verhinderung der (un)absichtlichen Ausbreitung.
  • Vermeidung offener Böden.
  • Unbelastete nicht mit belasteten Böden mischen.
  • Gründliche Reinigung benutzter Geräte, Fahrzeuge, Kleidung und Schuhwerk.
  • Nach jeder Bekämpfung ist eine mehrjährige Nachkontrolle notwendig, da meist noch Rhizomstücke im Boden verblieben sind.

Bekämpfungsmaßnahmen:

  • Der beste Zeitpunkt ist kurz vor der Blüte, da hier der Biomasseentzug am größten ist.

Einzelne Pflanzen

  • Ausreißen, ausgraben oder ausbaggern. Alle Rhizome, auch die kleinsten Stücke, müssen von der Fläche entfernt und einer fachgerechten Entsorgung zugeführt werden.

Großflächige Bestände

  • Mahd zur Schwächung der Population, beginnend bei der Wuchshöhe von 40 cm 6 - 8 Mal pro Jahr. Diese Maßnahmen sind über mehrere Jahre zu wiederholen. Auch nach 3 Jahren sind noch 4 bis 6 Mahden pro Jahr notwendig!
  • Ausbaggern bei Bauvorhaben.
  • Abdecken mit starken, reißfesten, dunklen, lichtundurchlässigen Folien über Jahre hindurch. Es muss der gesamte Bestand inklusive einem zusätzlichen Streifen (mindestens 2 m) abgedeckt werden.Danach rasche Einsaat, um den Bestand weiter zu schwächen. Eine vollkommene Eliminierung kann damit aber nicht erreicht werden.
  • Einbringen von 2- bis 3-jährigen Weidenstecklingen zeigt an Ufern hemmende Wirkung, da diese das An- und Aufwachsen des Staudenknöterichs durch die Schattenbildung be- und verhindern.
  • Eine Beweidung mit Schafen, Ziegen, Pferden oder Rindern schwächt den Bestand ebenfalls. Die Nachtriebe bilden kleinere und schwächere Blätter aus.
  • Der Einsatz von Herbiziden durch Injektion in die Markhöhle der unteren Stängel nach der Mahd des Knöterichs kann zum Erfolg führen.
    Entsprechende gesetzliche Bestimmungen und Anwendungshinweise sind einzuhalten!
    Der Einsatz ist in Gewässernähe verboten (Gewässerschutz­bestimmungen).
    Anwendung nur bei trockenem Wetter und Windstille.
    Nachteil: Alle übrigen Pflanzen in der Nähe werden dadurch ebenfalls vernichtet!

Fazit: Das schnelle Wachstum und die Fähigkeit sich aus kleinsten Spross- und Rhizomteilen zu regenerieren machen den Böhmischen Staudenknöterich zu einer kaum bekämpfbaren Art. Bis jetzt bekannte und ausprobierte Methoden können Staudenknöterich Arten nur schwächen bzw. ihre Ausbreitung verzögern.
Der große Ressourceneinsatz kann zu hohen Kosten führen, deshalb vor geplanten Maßnahmen immer eine Kosten-Nutzen Analyse durchführen!

Entsorgung

Bio- und Restmülltonne zur Entsorgung des anfallenden Pflanzenabfalls
Bio- und Restmülltonne zur Entsorgung des anfallenden Pflanzenabfalls© A. Krapf
  • Bei Transporten von biogenem Material sind ausschließlich geschlossene Systeme zu verwenden, um einer weiteren Verbreitung entgegen zu wirken.
  • Mit keimfähigen Teilen belasteter Bodenaushub ist aus fachlicher Sicht auf eine behördlich genehmigte Deponie zu verbringen.
  • Das Verbrennen von biogenen und nicht biogenen Materialien außerhalb von genehmigten Anlagen ist gemäß Bundesluftreinhaltegesetz idgF verboten!

Private Flächen
Nicht blühende Pflanzen (nur oberirdische Teile, keine Ausläufer oder Wurzeln!)

  • Hausgartenkompostierung
  • Biotonne

Blühende Pflanzen

  • Restmüll (sehr gut verpackt)

Öffentliche Flächen

  • Beauftragung durch ein befugtes Entsorgungsunternehmen.
    Weitere Verwertung in einer genehmigten Kompostier- oder entsprechend genehmigten Biogasanlage.

Ausnahmen: Land- und Forstwirtschaft

Fallen invasive gebietsfremde Arten im Rahmen eines land- und forstwirtschaftlichen Betriebes an, dürfen sie im unmittelbaren Bereich eines land- und forstwirtschaftlichen Betriebes einer zulässigen Verwendung zugeführt werden.

Wissenswertes

Junge Triebe werden z.B. als Kompott wie Rhabarber, mit dem er verwandt ist, verzehrt. In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wird die Wurzel des Japanischen Stauden- und des Sacchalinknöterichs zu Heilzwecken verwendet, ebenso verfahren Vertreter der europäischen Naturheilkunde mit der Wurzel des Böhmischen Staudenknöterichs.
Rezepte:
 https://www.ecowoman.de/haus-garten/garten/knoeterich-rezepte-das-unkraut-essen-statt-vernichten-zb-als-knoeterich-senf-5467
 https://www.kostbarenatur.net/anwendung-und-inhaltsstoffe/japanischer-knoeterich/
 https://www.gartenjournal.net/knoeterich-essen
 https://www.youtube.com/watch?v=e5xNzok7rTM
 https://www.umweltberatung.at/japanischer-staudenknoeterich-wer-wuchert-wird-verspeist

Verwechslungsmöglichkeit

Links: Sachalin-, Mitte: Böhmischer- Rechts: Japanischer-Staudenknöterich
Links: Sachalin-, Mitte: Böhmischer- Rechts: Japanischer-Staudenknöterich© Steiermärkische Berg- und Naturwacht

Mit den Eltern-Arten Japanischer- und Sachalin-Staudenknöterich ist eine Verwechslung möglich.

Literaturauswahl

ESSL, F. & RABITSCH, W. (2002): Neobiota in Österreich.  - Umweltbundesamt, Wien, 432pp.
GRIEBL, N. (2018): Gärtnern ohne invasive Pflanzen. Problempflanzen und ihre heimischen Alternativen.  - Haupt Verlag, 256 pp.
KOWARIK, I. (2010): Biologische Invasionen. Neophyten und Neozoen in
Mitteleuropa. - 2. Auflage, Ulmer Verlag, 492pp.
NEHRING, S., KOWARIK, I., RABITSCH, W. & ESSL, F. (2013): Naturschutzfachliche Invasivitätsbewertungen für in Deutschland wild lebende gebietsfremde Gefäßpflanzen. BfN-Skripten 352: 1-202.  https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/service/Dokumente/skripten/skript352.pdf (S 90-91).
STORL, W-D. (2014): Wandernde Pflanzen. - AT Verlag, 2. Auflage, 320 pp.
WEBER, E. (2013): Invasive Pflanzen der Schweiz. - Haupt Verlag, 224 pp.


https://www.neobiota-austria.at/fileadmin/inhalte/neobiota/pdf/OBB-Folder_Neophyten.pdf
 https://www.korina.info/ https://www.infoflora.ch/de/assets/content/documents/neophyten/inva_reyn_jap_d.pdf

Letzte Aktualisierung

13.04.2022

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